Es herbstelt

 

Ganz alleine auf dem großen Schwimmbad-Parkplatz in Nieder-Olm dreht Mica ihre Runden und übt für Ihre Prüfung Ende November . In meiner Schule sind noch ein halbes Dutzend Motorrad-Kund(in)en aus dem endenden Jahr übrig geblieben.
Mica Fahrstunde

(c) by richie 2016

Die Temperaturen sind in den letzten Tagen in den einstelligen Bereich gerutscht, womit „Mopped“ fahren nur noch sehr enthusiastischen Fans als Freizeitaktivität taugt.

Die Motorrad-Ausbildung in dieser Zeit fällt brach, weil Motorrad fahren eine emotionale Sache ist – Bewerber denken überwiegend dabei an schöne Gefühle wie Frischwind-Erlebnis, soziales Miteinander, Kurvenspaß, Selbstdarstellung, verbinden es mit Kraft und Wendigkeit. Herbst ist melancholisch, nass-kalt, Sofa-Sitzen, neblig.

Motorrad = Emotion

Ich habe vor 40 Jahren mein erstes Motorrad im Herbst gekauft und wahrscheinlich daher ist der Herbst für mich die schönste Motorrad-Zeit. Neben den Landstraßen ist es bunt wie im Sommer nicht, es duftet durch die feuchte Luft nach Laub, Kastanien, Erde. Die Straßen sind am Wochenende leer, manchmal traf ich auf den kurvigen Teilen meiner Hausstrecke durch Taunus und Rheingau nicht auf ein einziges anderes Fahrzeug. Abends, bei Nebel, bin ich gerne noch eine kleine Runde gefahren, gemütlich, richend, eingemummelt in Leder mit Bundeswehr-Parka drüber und langem, dickem, von Muttern gestrickten Schal – in grün/braun, wie der Herbst eben 🙂 Zum Ende der Runde gings immer nochmal über die Zahlbacher Straße, vorbei an der Gewürzmühle, des Geruchs wegen, den habe ich heute noch in der Nase, wenn ich dort vorbei komme, obwohl die Mühle schon lange nicht mehr steht.

Regen und Nebel

(c) richie 2016

Die Schattenseite: stark emotional Fahrende haben vielleicht im entscheidenden Moment nicht die erforderliche Nüchternheit zur Beurteilung einer Situation. Je stärker die Gefühle werden, desto weiter weg ist die Vernunft. Natürlich fahre ich nicht ein Motorrad, um nüchtern-vernünftig, emotionslos von A nach B zu kommen. Das kann ich am besten im Taxi. Wenn ich mich nicht über den Fahrstil des Taxichauffeurs aufregen muss. Aber entgegen der ersten Überlegung, dass nur negative Gefühle aus mir einen schlecht(er)en Fahrer machen, spielt die Art des Gefühls keine Rolle. Seine Mächtigkeit ist der Schlüssel. Wie sagt man so schön: Liebe macht blind.

Fahrerische Aspekte

Aber diese Zeit ist nicht nur gefühls-duselig, sie hat auch ihre eigenen Gefahren, ganz andere als in Frühjahr oder Sommer. Klar, nasses Laub fällt jedem dabei ein, regennasse Fahrbahn, Windboen. Es gibt aber noch mehr: Das körperliche Wohlfühlpaket zum Beispiel.

Ein Zweirad fährt sich am besten entspannt und mit lockerer Muskulatur. Wird es kühl oder nass oder beides spannen wir die Muskeln an, damit sie Nährstoffe verbrennen, das mach etwas wärmer in der Jacke. Die gewohnte Fahrgeschmeidigkeit leidet aber deutlich. Oben habe ich die dicke Verpackung angesprochen, die auch schön warm hält – aber man wird zum  Michelin-Männchen, bewegungseingeschränkt, kopfdrehen, locker überm Tank hängen fällt dann vielleicht aus. Ich brauche geeignete Kleidung, Handschuhe, Schuhe, die die Wärme langer halten, vielleicht eine Nummer größer als die Sommerklamotten, Luft isoliert und hält wärmer. Darunter leidet dann wieder die Bedienbarkeit der Schalter und Hebel. Irgendwas ist ja immer.

Nächster Punkt: Sehen und gesehen werden.

Herbst hat zwei Seiten: kontrastarm, dämmrig, gedämpft hier gegen stechend helle, tiefstehende  Sonne dort, am Besten noch im Gegenlicht und bei nasser Fahrbahn eines vorangegangenen Regenschauers. Da freut man sich doch, wenn der Weg von der Sonne weg führt, die dann im Rücken steht und unseren eigenen Schatten weit vor uns auf die Fahrbahn wirft. Die Jagdflieger im Krieg mochten das, weil sie für die Gegner erst spät auszumachen waren. Feind aus der Sonne. Also egal, ob die von vorn oder hinten scheint – dumm gelaufen. Fernlicht kann da helfen. Nein, keine Angst, wer gegen die Sonne fährt, wird nicht durch euer Licht noch mehr geblendet. Aber er sieht euch vielleicht. Gegen die Sonne voraus hilft es natürlich nicht.

Es gibt noch einen Punkt, meiner bescheidenen Meinung nach einen sehr wichtigen: Der Unterschied zwischen Sehen und Wahrnehmen kommt ins Spiel. Wie eingangs schon geschrieben – im Herbst gibt es nur noch selten Motorräder auf der Straße. Motorradfahrende verschwinden hinter dem Erwartungshorizont der anderen Verkehrsteilnehmenden, Und was ich nicht erwarte hat eine gute Chance, von mir nicht wahrgenommen zu werden.

Kann ich dagegen etwas tun? Klar: deutlich fahren. Dort, wo man mich sieht. Versteckt euch nicht, fahrt weiter in die Mitte der Fahrbahn, benutzt eure Warnzeichen, Lichthupe und Hupe, wenn die Gefahr besteht, übersehen zu werden.

Die Traktion

Zum Schluss nochmal zurück zur  eingangs angesprochenen Reifenhaftung (ihr erinnert euch, nasses Laub und so?) Zum Handwerkszeug eines Motorradfahrers gehört eigentlich eine gehörige Portion Wissen rund um die Klebefähigkeit der Reifen auf dem Asphalt. Eigentlich. In meinen Sicherheittrainings war ich selbst nach Jahren noch überrascht, mit welch geringen Kenntnissen die Teilnehmenden auf den Trainingsplatz kamen.

Zu Bremse und Schräglage könnte ich jetzt hier eine wissenschaftliche Veröffentlichung schreiben und damit alle Lesenden verjagen. Darum kürze ich es auf zwei Punkte

  • 50%-Bremsung
  • Abstand.

Die Bremsung.

Stellt Euch an einem Sonntag auf einem Supermarkt-Parkplatz 3 Markierungen  auf, Hütchen, Apfelsinen, Cola-Dosen, was eben gerade zur Hand ist. Die erste stellt den Anfang der Bremsung fest, die zweite steht 10 Meter weiter, die dritte weitere 10m dahinter, also bei 20m Abstand zum Bremsbeginn.

Fahrt mit 50 auf die Bremsstelle zu, zieht ein paar Meter davor die Kupplung und bremst mit einer gleichmäßigen, NICHT ZUNEHMENDEN ODER NACHLASSENDEN BREMSUNG in wohlfühl-Stärke zum Stand. Nur Handbremse (außer Harleys ;). Keine Vollbremsung, eine ganz normal Alltagsbremsung.

Schaut, wo ihr steht. Wahrscheinlich werdet ihr zwischen der zweiten und dritten Apfelsine zum stehen gekommen sein.

Die 10m-Markierung stellt übrigens eine nahezu optimale Bremsung dar. Es geht, wenn es der Belag zulässt, noch ein klein wenig besser, aber in einem, für nicht-ABS-Fahrende hohen Risiko-Bereich. Die 20m-Coladose ist dementsprechend eine 50%-Bremsung. Halbe Bremskraft, doppelter Bremsweg.

Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt in vielen Versuchen euch langsam an die 10m-Markierung herandbremsen. WICHTIG: Wenn es sich nach blockierendem Vorderrad anfühlt, SOFORT den Bremshebel loslassen. Wer nicht weiß, wie sich das anfühlt macht vorher ein Sicherheitstraining, wo man es lernt.

Aber diese 100%-Bremsung ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist die 50er. Warum? Unterschiedliche Beläge haben unterschiedliche Haftwerte. Der von nassem Kopfsteinpflaster liegt so etwa bei 50% der möglichen Bremsleistung eures Motorrades. Ihr werdet bei einem solchen Training überrascht sein, wie leicht man fester als 50% bremst. Und das bedeutet auf nassem Kopfsteinpflaster ohne ABS eine gute Chance, aufs Maul zu fallen.

Ihr merkt schon: ABS ist geil.

Der Abstand.

Wenn ich nicht in dauernder Angst unterwegs sein will, eine harte Bremsung auf glitschigem Untergrund durchziehen zu müssen, brauche ich Zeit, um gemütlich Bremsen zu können. Nicht erst seit Einstein wissen wir, dass bei einer gewissen Geschwindigkeit ein Körper in einer gewissen Zeit eine gewisse Strecke zurück legt. Mehr Zeit heißt also mehr Strecke – gebt euch zu Vorausfahrenden mehr Luft, das macht euch lockerer und somit besser – und es macht mehr Spaß. Auf der öffentlichen Straße geht es nicht um die goldene Ananas, es heißt nicht Pokal oder Spital. Gerade im Herbst.

Was haltet ihr vom Fahren im Herbst? Kommentare erwünscht 🙂 Oder habe ich etwas wichtiges vergessen?

Viel Spaß beim Fahren

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